Herzlich Willkommen

Nacht-Gedanken am Freitag, den 03.04.2020

… und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen (Jesaja 42,2)

… und führen, wohin du nicht willst (Johannes 21, 18)

Was macht eigentlich ein Pfarrer in Corona-Zeiten? Tja, gute Frage!

Alles bricht weg: Gottesdienste, Begegnungen, (Seelsorge-)Gespräche, Besuche, Treffen, Sitzungen, also alles, was mein bisheriges Tun ausgemacht hat. Bleiben eigentlich nur noch Computer und Smartphone, und da hinke ich meiner Zeit hoffnungslos hinterher.

Ich wollte eigentlich immer ein “analoger” und kein “digitaler” Pfarrer sein. Das hab ich jetzt davon, dass ich der neuen Technik immer misstrauisch begegnet bin, bzw. mich nie sonderlich dafür interessiert hab! Und jetzt? Immerhin hab ich einen Computer – das Zeitalter ist also doch nicht ganz spurlos an mir vorbeigegangen, und Lissy hat mir sogar fast etwas gegen meinen Willen ein Smartphone gekauft, das ich meistens vergesse und auf meinem Schreibtisch liegen lasse. Und es ist wirklich erstaunlich: Ich lerne auf meine alten Tage tatsächlich noch was dazu, und daran sind einige junge Geseeser Familien schuld: “Ekki, Könntest du nicht mal was aufnehmen, eine Bibelgeschichte erzählen, ein Gebet, ein Lied, das du mit den Kindern in der KiTa gesungen hast, das sie kennen.” Oh! Wie soll das gehen? Ich hab doch keine Ahnung! Also hab ich mich hingesetzt und ausprobiert und tatsächlich ein Liedchen aufgenommen mit meiner Gitarre und an die interessierten Eltern geschickt. Die haben’s geteilt und immer weiter geteilt. Jetzt hören sich schon über 60 Familien meine Liedchen an, so viele, wie ich sonst nie erreiche über die MiniKinderKirche oder andere Angebote. Seltsam, zu den einen, zu den älteren Menschen, hab ich in diesen Zeiten kaum noch Kontakt und fühl mich wie abgeschnitten – abgesehen von Telefonanrufen. Dafür öffnet sich plötzlich die Tür zu einer ganz neuen Welt, Kinder, die sich freuen und mir das als rührende Sprachnachricht schicken, Eltern, die von der Reaktion ihrer Kinder erzählen. Willkommen im digitalen Zeitalter! Ich werd’ mich wohl doch noch etwas intensiver damit befassen müssen. Die Eltern machen mir Beine und stacheln mich mit ihren Ideen an. Schadet nichts. Danke!

Nacht-Gedanken am Donnerstag, den 02.04.2020

Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen

und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten

und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn (Matthäus 9, 35-36)

“Ob er aber über Oberammergau, oder aber über Unterammergau, oder aber überhaupt nicht kommt, des ist netg’wiss.” Doch: In Corona-Zeiten ist es g’wiss: Er kommt nicht. Auf der Homepage ist zu lesen: “Die 42. Oberammergauer Passionsspiele werden aufgrund der aktuellen Situation durch die Corona-Pandemie verschoben,” und zwar auf das übernächste Jahr 2022. Das gab es seit 1633 nicht mehr, als in Oberammergau während des Dreißigjährigen Krieges die Pest wütete und die Bevölkerung ein Gelübde ablegte, alle zehn Jahre die Passion Christi nachzuspielen, wenn Gott den Ort in Zukunft verschonen würde. Der Ort blieb verschont, weil die Bevölkerung niemanden mehr hineinließ und sich sozusagen ins Selbstisolation begab. Nur 1770 fanden keine Passionsspiele statt, damals wegen politischer Auseinandersetzungen, und dann 1940 nach dem Beginn des 2. Weltkrieges. Wegen einer Pandemie jedenfalls wurden die Tore seit 387 Jahren nicht mehr geschlossen. In einem Interview sagt der Jesus-Darsteller Frederik Mayet:

“Seuche, das ist mir jetzt klar geworden, bedeutet Isolation. Die Menschheit scheint in den vergangenen 400 Jahren keinen anderen Weg gefunden zu haben. Vielleicht waren die Bauern mit ihren Vorräten damals sogar besser darauf vorbereitet. Noch meine Großeltern hatten genügend Kartoffeln, Marmelade und Weckgläser im Keller gelagert, um über einen Winter zu kommen. Mir gelingt das ohne Supermarkt heute nicht. Man kann ja nur spekulieren, was Jesus zu all dem gesagt hätte, aber so, wie ich ihn verstehe, würde er jetzt zuerst an die Menschen denken. Ihm wäre wichtig, dass sie unbeschadet bleiben, die Mitwirkenden, die Gäste, die Helfer. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass er jemanden als hysterisch abstempeln würde: Er würde jedem Angst und Furcht vor einer Infektion zugestehen. Gleichzeitig würde er wohl Zuversicht und Augenmaß predigen, so, wie er es immer getan hat.”

Ist es heute Zeit für ein neues Gelübde? Es ist gut, dass wir heute Krankheiten nicht mehr als Strafe Gottes verstehen. Dabei hatte doch eigentlich schon Jesus dieses Stigma durchbrochen und sich den kranken und bedürftigen Menschen zugewandt. Das ist immer noch die vordringliche Aufgabe, auch in diesen Corona-Tagen.

Nacht-Gedanken am Mittwoch, den 01.04.2020

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit (Hebräer 13, 8)

Ein Klassenkamerad von mir, Rolf-Bernhard Essig, Buchautor, Entertainer, Dozent, Kritiker, Moderator und vor allem passionierter Redensartenforscher gilt inzwischen fast als „Indiana-Jones“ der Sprachschätze. Über die Redewendung „In China ist ein Sack Reis umgefallen“, mit der man abfällig-scherzhaft sein Desinteresse zeigt oder die absolute Bedeutungslosigkeit eines Themas ausdrückt, sagt er in einer Sendung: “Es geht um die Unerheblichkeit von etwas. Wenn jemand großes Gewese macht, dann sagt man halt: ‘Na ja, also was du da machst oder ob ein Sack Reis in China umfällt, ist das Gleiche’ … Es geht immer darum, dass etwas unglaublich häufig ist und Reissäcke gibt es natürlich ganz, ganz viel. Irgendwo in China fällt immer ein Reissack um, aber der andere, der tut so, als wäre wer weiß was passiert.” Anders ausgedrückt: Komm, reg dich nicht auf, das ist genauso wichtig oder genauso interessant wie wenn in China ein Sack Reis umfällt, also gar nicht. Völlig unerheblich.

Wir erleben in Corona-Zeiten das Gegenteil: Nicht ein Sack Reis ist in China umgefallen, aber ein Virus hat sich von dort ausgebreitet, der jetzt unsere ganze Welt in Atem hält und lahm legt. Also: Gerade auch winzigste Dinge können immense globale Auswirkungen haben. Man könnte das zusätzlich noch mit dem berühmten “Schmetterlingseffekt” aus der Chaostheorie des amerikanischen Meteorologen Edward Lorenz bekräftigen: Ein Schmetterling, der zum Beispiel in Shanghai – schon wieder China – mit seinen Flügeln wackelt, könnte damit theoretisch einen Wirbelsturm in New York auslösen. Kleine Ursache – große Wirkung. Die Chaostheorie spricht dabei lieber wissenschaftlich von der „Dynamik nicht linearer Systeme“ oder der „Komplexitätstheorie“. Es ist eben nicht so, dass mit zunehmender Forschung alle künftigen Entwicklungen in der Welt prinzipiell vorausberechnet werden können.

Wegen allerkleinster Abweichungen sind langfristige Aussagen über die Zukunft praktisch nirgendwo möglich. Beim Wetter leuchtet das unmittelbar ein. Die Chaostheorie stellt das aber auch z.B. für die Umlaufbahnen der Planeten und Monde in unserem Sonnensystem fest. Welches Chaos ein unsichtbarer Virus auslösen kann, erleben wir in diesen Tagen. Kein Mensch hätte damit gerechnet, außer vielleicht ein paar belächelten Virologen, die heute alles andere als belächelt werden. Wenn es nicht so erschreckend wäre, müsste man darüber staunen.

Nachtgedanken am Dienstag, den 31.03.2020

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost,

ich habe die Welt überwunden (Johannes 16, 33)

Heute kam eine Rundmail des Liedermachers und Pfarrers Wolfgang Buck, die mich zu Tränen gerührt hat:

„ZUVERSICHT – 7 WOCHEN OHNE PESSIMISMUS“.

Wer hätte gedacht, dass dieses Motto der Fastenzeit so schnell noch so viel mehr unter die Haut gehen wird? Nur, dass wir jetzt eher nicht von sieben Wochen, sondern von sieben Monaten reden, oder noch mehr? Dass das angeblich 365 mal in der Bibel vorkommende „Fürchtet euch nicht!“ so existentiell wichtig sein wird?

Deshalb will ich Ihnen und Euch auch in meinem Rundbrief Mut machen. Ich denke, dass die notwendigen Maßnahmen viele von uns richtig schwer treffen. Aber ich habe das Vertrauen, dass es im Großen und Ganzen die richtigen Maßnahmen sind. Ich habe auch den Eindruck, dass die meisten unserer Politiker und Experten sehr ernsthaft und intensiv an komplexen Lösungen arbeiten, dass zur Zeit die Parteipolitik, die Herabsetzung des politischen Gegners und die eitle Selbstdarstellung fast vollkommen in den Hintergrund getreten ist.

Und das macht mir Mut im Blick auf unsere ganze Gesellschaft, auf die Hilfsbereitschaft und den Zusammenhalt. Wir werden da hindurch kommen und uns in sechs, neun oder zwölf Monaten wieder umarmen, miteinander essen, ins Konzert, ins Theater oder ins Stadion gehen. Und uns überlegen: Was müssen wir in Zukunft ändern, in unserem Leben, in unserer Gesellschaft, in unseren Prioritäten und Gewohnheiten? Und wir werden das reine Denken in Gewinnmaximierung, z.B. im Gesundheitssystem, korrigieren müssen. Dass wir die, die jetzt Tag und Nacht arbeiten, die wahren Leistungsträgerinnen und Leistungsträger, viel besser honorieren müssen.

Ich bin schon immer froh, in diesem Land zu leben, aber jetzt ganz besonders. Ich habe ein Dach über den Kopf, muss nicht im Schlamm eines Flüchtlingslagers leben, habe sauberes Wasser aus der Leitung, muss nicht hungern und kann zum Arzt. Und auch hier wird so klar, dass diejenigen, die seit ein paar Jahren versuchen, unser Land und unsere Demokratie und unser freiheitliches System schlecht zu reden, im Augenblick der Krise ihr vergiftetes Süppchen nicht an die Bürger*innen bringen. Sie haben schon versucht, bei der Aufnahme von einer Million Geflüchteten die Kraft dieses Landes und die Liebe seiner Menschen kleinzureden, und auch diesmal stimme ich Angela Merkels altem Satz zu: Wir schaffen das. Betonung auf „wir“, und nicht auf „ich“. Aber jetzt erstmal: Abstand halten, geduldig sein, Mut machen, uns nicht gegenseitig herunterziehen.

WIE IST DIE LAGE BEI MIR PERSÖNLICH UND BEI DEN KONZERTEN?

Darum will auch ich nicht jammern. Die Lage ist genau so, wie Sie sich denken können. Ich wage keine Prognose, wann wieder Konzerte stattfinden können. 80% meiner Einkünfte sind Konzertgagen, dazu Einnahmen aus der GEMA, die es zum Glück für uns Komponisten und Textdichter gibt, und ein paar CD-Verkäufe. Aber zum Glück ist der Winter sehr gut gelaufen mit vielen ausverkauften Konzerten, und aweng kann ich im Augenblick schon überbrücken. Also macht Euch bitte um mich keine Sorgen, ich komm schon über die Runden. Kommt darauf an, wie lange es dauert. Es gibt gerade im Kunstbereich viele wunderbare Kolleginnen und Kollegen, die sich schon in normalen Zeiten gerade über Wasser halten können, die es jetzt unmittelbar und hart betrifft.

Was ich so mache den lieben langen Tag?

Lesen, Kochen, Sofa, Gitarre, Homerecording, Finanzbuchhaltung 2019 (war noch nie so früh dran), a wengnaus, telefonieren, Internet, Schlafen…

Nacht-Gedanken am Montag, den 30.03.2020

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.
Kommet zuhauf,
Psalter und Harfe, wacht auf,
lasset den Lobgesang hören!
EG 317.1 (Text: Joachim Neander 1680)

Heute feiert meine Mutter ihren 82. Geburtstag, wobei an Feiern in dieser Corona-Zeit nicht zu denken ist. Feiern abgesagt! Keiner wird kommen, aber alle werden anrufen und dran denken. Und das Feiern wird einfach nachgeholt, wenn es wieder soweit ist. Und so geht es mir in diesen Tagen immer: Ich werfe mein Heftchen ein mit guten Wünschen und versuche, das Geburtstagskind telefonisch zu erreichen. Und nirgendwo höre ich ein Klagen oder Jammern, sondern überall: Es ist halt so. Wir machen das Beste daraus. Beschäftigen uns selbst, telefonieren, lesen, schauen fern, gehen spazieren. Wir sind vernetzt. Andere kümmern sich. Unser Netz trägt. Und: Wir haben’s doch so gut bei uns! Faszinierend, wie wir Menschen uns innerhalb kürzester Zeit auf völlig neue Situationen einstellen. So hab ich das jedenfalls bisher erlebt bei meinen Telefonaten. Sicher gibt es auch die andere Seite und es kann sich auch alles ändern. Gebt mir doch Bescheid: Ich ruf euch gerne an!

Und meine Mutter in der letzten Woche ziemlich aufgekratzt am Telefon, zwar etwas makaber, aber doch auch ganz realistisch und trotzdem lebenslustig lachend und dem Leben zugewandt: “Ach, und wenn ich in dieser Zeit sterb’, dann ist das nicht schlimm. Dann hebt ihr halt die Urne auf und kommt dann wieder zusammen, wenn’s möglich ist. Hauptsache ihr kommt zusammen. Und dann denkt ihr an mich.”Heute gratulieren wir ihr telefonisch und jede Familie singt ihr Geburtstagsständchen durchs Telefon mit einer Strophe unseres Familien-Geburtstagslieds „Lobe den Herren“. Ist halt so in Corona-Zeiten.

Statt Nachgedanken am Sonntag: Predigt über Markus 10, 35-45

Nacht-Gedanken am Samstag, den 28.03.2020

Du schenkst uns Zeit, einander zu begegnen,

Dass wir uns lieben und einander segnen.

Herr, lass uns stille werden, dass wir sehn:

Du willst zu aller Zeit mit uns durchs Leben gehn.

EG 592.1 (Text und Melodie Hannes Köbler 1986)

Aus dem Aushang an unserer Geseeser Kirche:

Gottesdienste sind abgesagt, aber …

Ergänzen Sie doch einfach – der Kirche haben Sie die Möglichkeit!

Vogelgezwitscher vor dem ersten Licht – nicht abgesagt!

Narzissen – nicht abgesagt!

Lachen – nicht abgesagt!

Singen – nicht abgesagt!

Tanzen auf der Wiese – nicht abgesagt!

Beten – nicht abgesagt!

Bitten und Danken – nicht abgesagt!

Mal wieder richtig telefonieren statt whatsappen – nicht abgesagt!

Mit der Familie spielen – nicht abgesagt!

Gemeinsam lachen – nicht abgesagt!

Wandern und spazierengehen mit der Familie – nicht abgesagt!

Die Erde verschnaufen lassen – nicht abgesagt!

Lieben – nicht abgesagt!

Kuscheln – nicht abgesagt!

Sich neu kennenlernen – nicht abgesagt!

Träumen – nicht abgesagt!

Spielen – nicht abgesagt!

Familienzeit, Gartenzeit, Lesezeit – nicht abgesagt!

Nacht-Gedanken am Freitag, den 27.03.2020

Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Offenbarung 3, 11b

Corona, lateinisch: Der Kranz, der Kreis von Zuhörern, die Truppenkette, die Krone, das Diadem; später auch der Mauerring, die Gebirgskette, die Tonsur. Heute in Corona-Zeiten viel bespöttelt: mexikanisches Bier.

Gestern war am klaren Abendhimmel eine winzig schmale Mondsichel zu sehen, Sonnenlicht, das den Rand des Mondes beleuchtet. Sogar der viel größere unbeschienene Teil des Mondes war gut zu erkennen.

Am Mittag, dem 11. August 1999 kurz nach halb eins konnte in Deutschland ein anderes himmlisches Phänomen beobachtet werden: Die einzige totale Sonnenfinsternis in Deutschland zu meinen Lebzeiten: Dunkelheit mitten am Tag, die Hunde heulen, die Vögel verstummen, die Temperaturen sinken, die Blumen schließen ihre Blüten und nur noch ein weißer Lichtkranz ist am Himmel zu sehen. Korona, mit “K” geschrieben, kein Virus, sondern ein ganz besonderes Himmelsspektakel. Ich hab es damals verpasst, weil ich mit einem Freund um die Insel Rügen rumgesegelt bin, und dort im hohen Norden war die Sonnenfinsternis leider nicht total.

Aber wir hatten sie vorbereitet mit einem der 10vor11-Gottesdienste “am Puls der Zeit” in Pegnitz, ja, wir waren unserer Zeit sogar voraus. Über diesen Coup kann ich mich heute noch freuen. Wir hatten nämlich unsere Gottesdienstbesucher schon einen Monat vorher unter dem Titel “Korona” auf die Sonnenfinsternis eingestimmt. Am Ende bekam jeder von uns eine extra Sonnenfinsternisbrille geschenkt. Als kurze Zeit später der Hype um die Sonnenfinsternis so richtig losging, waren die Brillen schnell ausverkauft. Die 10vor11-Besucher hatten dagegen ausgesorgt. Merke: Manchmal kann es in jeder Hinsicht und so richtig gut sein, zum Gottesdienst zu gehen! Profitieren tut man immer, mit oder ohne Brille! Korona statt Corona – jedenfalls denk ich lieber daran. Und passend dazu aus dem Sonnengesang von Franz von Assisi:

Gepriesen seist du, mein Herr, mit allen geschaffenen Wesen,

Mit der strahlenden Sonne, der Schwester,

Durch die du uns leuchtest am Tage.

Schön ist sie und stark im hellen Entbrennen.

Sie trägt dein Zeichen, du Höchster!

(aus dem Sonnengesang des Franz von Assisi)

Nacht-Gedanken am Donnerstag, den 26.03.2020

Fürchte dich nicht!

Am 13. Februar 1986 bin ich zum ersten Mal Vater geworden, gerade mal 23 Jahre jung.

2 ½ Monate später seh ich uns noch am 1. Mai wandern durch die wunderbar zartgrünen Buchen- und Kastanienwälder an den Hängen des Odenwalds rund um Heidelberg. Ich trug damals Klein-Jonathan im Tragetuch vor dem Bauch. Es war heiß, aber dann kam ein erfrischender Regenschauer mit Blitz und Donner. Wir waren durchnässt bis auf die Haut. Tage später sickerten dann die ersten Nachrichten von der katastrophalen Explosion des Atomreaktors am 26. April in Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion durch den eisernen Vorhang. Super-GAU: Größter Anzunehmender Unfall. Wir reagierten vollkommen panisch. Wochen-, ja monatelang sind wir kaum vor die Haustür gegangen. Es wurde davon abgeraten. Kein Spielplatz, kein Sandkasten, nicht die wunderbaren Neckarwiesen, wo sich im Sommer die Studierenden trafen, um die Sonne zu genießen. Wir verglichen pausenlos Becquerel-Werte und kauften nur Produkte aus der Zeit vor Tschernobyl. Kein frischer Salat, kein frisches Obst, kein frisches Gemüse.

An diese bedrückenden Wochen musste ich in den vergangenen Tagen oft denken. Virus und Strahlung sind gleichermaßen unsichtbar. Das macht sie so unheimlich. Man fühlt sich so ausgeliefert. Gestern hab ich mit Jonathan telefoniert. Er ist Arzt an der Uni-Klinik in Leipzig. Dort werden jetzt die ersten Patienten aus Italien versorgt. Noch ist es relativ ruhig, sagt er, aber sie sind vorbereitet. Hoffentlich.

Fürchte dich nicht – Fürchtet euch nicht: Angeblich steht das 365 x in der Bibel. Ich hab’s nie nachgezählt. Es ist die Grundbotschaft der Bibel. Für jeden Tag im Jahr: Fürchte dich nicht – Fürchtet euch nicht. Nein, Angst hab ich eigentlich nicht. Und ich bin froh, dass ich nicht mehr so panisch reagiere wie damals nach Tschernobyl.

Nacht-Gedanken am Mittwoch, den 25.03.2020

Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht

und nicht der Mensch um des Sabbats willen (Markus 2, 27)

Alle müssten in der Coronakrise Opfer erbringen, sagte der texanische Vizegouverneur Dan Patrick. Aber die Wirtschaft müsse weiterlaufen. Er selbst sei bereit, dafür sein Leben zu geben. Und weiter sagte der Politiker in einem Fernsehinterview auf Fox News: Es könne nicht sein, dass die Wirtschaft der Coronakrise geopfert werde. Man müsse wenigstens diskutieren, ob nicht die älteren Bürger geopfert werden.

So hab ich es gestern im Internet gelesen und bin empört und stinksauer: Die Wirtschaft soll absoluten Vorrang haben vor den Menschen, vor denen, die dafür gesorgt haben, dass es uns heute so gut geht, vor unseren Vätern und Müttern, vor uns selbst, die wir auf die 60 zugehen? Soll die Wirtschaft tatsächlich entscheiden zwischen wertvollem und wertlosem Leben und der einzige Maßstab sein – mal ganz abgesehen von der Frage, wo die Grenze zwischen jung und alt zu ziehen ist, und dass auch viele Jüngere betroffen sind, zum Teil sogar ohne Vorerkrankungen? Ich wünsche diesem zynischen Politiker nicht, dass er eine Enkeltochter hat, die an Bronchialasthma leidet oder einen Enkelsohn, der mit einem Loch im Herzen auf die Welt gekommen ist und operiert werden musste. Nein, in so einer Welt möchte ich niemals leben! Und ich finde, gerade jetzt in der Krise zeigt sich, was und wer wirklich systemrelevant ist: Das sind nicht die Aufsichtsräte und Vorstandsmitglieder mit ihren Millionengehältern und Zusatzboni, das sind nicht die Fußballer mit ihren Millionenablösesummen und Riesenfuhrparks, sondern die Krankenschwestern und -pfleger in den Pflegeheimen und Krankenhäusern, die Kassiererinnen in den Supermärkten, die Erzieherinnen in den KiTas, alle miteinander unterbezahlt und hart an der Mindestlohngrenze. Wenn wir was lernen aus dieser Krise, dann das: Dass das Leben Vorrang hat – nichts anderes hat Jesus gepredigt und gelebt -, dass jeder Mensch wertvoll ist und Würde besitzt, und dass die Schere zwischen arm und reich nie mehr so weit auseinandergehen darf wie vor dieser Krise. Der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns ist nicht wichtiger als eine Verkäuferin an der Supermarktkasse. Die Wirtschaft darf keinen Vorrang vor Menschenleben haben!

Nacht-Gedanken am Dienstag, den 24.03.2020

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

Die Gnade aber des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten

(Psalm 103, 15-17)

Vor drei Tagen hab ich mit meiner Tochter Viktoria telefoniert, die als “Stadtmissionarin” in Berlin arbeitet und dort für ein Student*Innenwohnheim zuständig ist und sich zusammen mit den Studierenden in der Obdachlosenarbeit der “Berliner Stadtmission” engagiert, also mit denen zu tun hat, die jetzt am allerschlimmsten vom Ausbruch der Corona-Pandemie betroffen sind. Wir haben über das Lied “Der Mond ist aufgegangen” diskutiert, das die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) als abendlichen Balkongesang vorgeschlagen hat. Lissy und ich singen auch fleißig jeden Abend um 19.00 Uhr von der Pfarrhausterrasse. Viktoria meinte, mit solch ollen Kamellen braucht man bei den Studierenden gar nicht erst ankommen. In Berlin kennt das sowieso kein Mensch mehr. Da bräuchte es ‘was Peppigeres, wie die Bamberger, die aus Solidarität mit Italien die italienische Partisanenhymne “bella ciao” gesungen und musiziert haben – echt cool (fand ich auch) – oder gleich die Italiener, die die Nationalhymne “Fratelli d’Italia” von ihren Balkonen schmettern oder vielleicht die Europahymne “Freude schöner Götterfunken” aus Beethovens 9. Symphonie, passend zum Beethoven-Jahr. Aber ist es wirklich das, was jetzt dran ist? Mir kommt das ein wenig vor wie das Pfeifen im Walde: Weil die Welt zum Fürchten ist, möglichst laut und gewaltig und spektakulär dagegen angehen. Das Lied “Der Mond ist aufgegangen” ist dagegen still und nachdenklich und rückt und stutzt uns “stolze Menschenkinder” mit seinen alten Worten zurecht. Ich find die leisen Töne in diesen Tagen hilfreicher als alles symphonische Geschmettere. Viktoria wollte mit ihren Studierenden mal darüber diskutieren.

Nacht-Gedanken am Montag, den 23.03.2020

Ich liege und schlafe und erwache; denn der Herr hält mich (Psalm 3, 6)

Ich nenne sie jetzt mal so, weil ich sie als alte Nacht-Eule eh’ meistens nachts schreibe. “Shut-down”, englisch: Abschalten, schließen, stilllegen, herunterfahren, das sollen wir jetzt alle, gesellschaftlich, wirtschaftlich, beziehungsmäßig, persönlich: Uns in unserer grenzenlosen Freiheit einschränken, Dinge tun, die wir schon lange mal tun wollten, uns verlangsamen, uns einigeln und auf uns selbst zurückwerfen, nachgeholten Winterschlaf halten. Mir gelingt das noch lange nicht. Im Gegenteil: Die letzten Tage waren anstrengender als manche Wochen, voll mit Terminen: Tausende von Mails lesen, beantworten und selber schreiben, Entscheidungen wälzen, beraten und treffen, der ganze Wahnsinn einer Gesellschaft – einschließlich Kirche -, die nicht stillhalten und aus dem Hamsterrad ihrer Betriebsamkeit aussteigen kann. Alles überschlägt sich, jeder meint, den anderen überbieten und noch eins draufsetzen zu müssen: Was können wir machen, was müssen wir machen, welche Angebote für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene, virtuell, medial, am besten jeden Tag eine Andacht aufnehmen und ins Netz stellen, am Sonntag natürlich den Gottesdienst, dauerpräsent sein auf facebook, twitter, instagram, Nachbarschaftshilfen organisieren, pausenlos am Telefon sitzen, immer online sein. Stopp!!! Ich geh jetzt erst mal runterfahren und schlafen. Das wird mir gut tun.

Gedanken am Sonntag, den 22.03.2020

Der Herr ist gütig und eine Feste zur Zeit der Not und kennt, die auf ihn trauen (Nahum 1,7)

Mit dem letzten Update vom Freitag ist unser Kerngblättla jetzt beim Layouten, Korrekturlesen und Drucken, und es ist wie es ist. Vieles ist sicher schon wieder längst überholt, wenn es erscheint und ausgetragen ist. Aber ich schreib einfach weiter, nicht mit immer neuen updates, die am nächsten Tag schon wieder Schnee von gestern sind, sondern eher als regelmäßig-unregelmäßiges (Corona-)Tagebuch, das, was mich beschäftigt und bewegt.

Heute z.B. hätte in Gesees der Vorstellungsgottesdienst stattfinden sollen. Raten Sie mal, welches Thema wir uns ausgesucht hatten? Richtig, den Corona-Virus! Damit wären wir topaktuell gewesen. Tja, und dann hat uns prompt dieser Virus einen Strich durch die Rechnung gemacht und die Realität hat uns überrollt. Eine gute Woche vorher konnte noch kein Mensch ahnen, mit welch rasender Geschwindigkeit sich dieser unsichtbare Monster-Virus in der ganzen Welt ausbreitet. Dabei stehen wir erst ganz am Anfang. Eigentlich wollten wir es heute humorvoll anpacken, aber inzwischen ist mir der Humor vergangen, wenn ich an die Menschen hinter den Sauerstoffmasken denke, an die Ärzte und das ganze Krankenhauspersonal unter Dauerbelastung, an das Personal in den Seniorenheimen, an meine katholischen Kollegen in Bergamo, die noch Krankenbesuche gemacht haben und unheimlich viele von ihnen haben sich unbewusst angesteckt und sind gestorben, überhaupt an die Menschen in Italien, die Familie meines Bruders in Mailand usw.

So war ich am Vormittag in der Kirche, ganz für mich allein, hab gebetet, gelesen, ein Lied gesungen, ein bisschen Gitarre gespielt – bei offener Kirchentür. Den ganzen Sonntag über war die Kirche offen. Ich glaube, wir lassen das in den nächsten Tagen zumindest am Nachmittag auch so. Vielleicht kommt ja der ein oder andere, weil er das Bedürfnis hat. Und ich kann wirklich sagen, es tut gut.

Ihr Pfarrer Ekkehard de Fallois.

Eine originelle Ansprache von Dagmar Pfeifer finden Sie unter Predigten 2019